Der Atlantik…

 … hatte die unterschiedlichsten Farbkonstellationen. Von tiefstem blau, über türkis nach grün. Die verschiedenen Kolorierungen und Wellengänge waren aufgrund der mangelnden landschaftlichen Veränderung eine der wenigen Abwechslungen. Außer Wasser gab es eben nicht viel zu sehen. Mehrere Wochen ohne Land in Sicht, auf wackeligem Boden. Da brachte jeder Segler einen gewissen Respekt mit.
Quert man den Atlantik von Europa in die Karibik, wählte man eine südliche Route und nutzte den Passatwind. Dieser bläst stetik von achtern und bringt einen ans Ziel. In unserem Fall, auf der Tour rückwärts mußte man erst einmal ein ganzes Stück nach Norden, in Richtung der Bahamas um in die Westwindzone zu gelangen. Hier gab es oft wechselnde Winde, welche einen nicht immer in die richtige Richtung brachten. Um den für uns optimalen Kurs zu segeln wurden wir Wettertechnisch vom Deutschen Wetterdienst per Iridium Satellitentelefon beraten. Wir waren demnach gerüstet.
Die Tage an Bord bestanden vorwiegend aus Schlafen, Wachen, Essen oder einfach dem Beobachten der gebrochenen Welle des Schiffes. Wobei die Wachen den Rhythmus vorgaben. Wir einigten uns auf ein rotierendes zwei Stunden System. Damit hatte jeder einmal zu jeder Tages bzw. Nachtzeit ‘Dienst’. Der Schlaf wurde durch die Nachtschichten unterbrochen, man schlief daher auch tagsüber immer wieder. So ‘verschwammen’ die Tage und die Müdigkeit war allgegenwärtig. Einmal am Tag kochten wir und saßen zu einem gemeinsamen Essen zusammen. Ansonsten versorgte sich jeder selbst. Das Prinzip hatte sich bewährt.
Die meiste Arbeit aber hatte unser externes Besatzungsmitglied, er war zuverlässig, genügsam und wurde dagegen nie müde: der Autopilot. Richtig eingestellt verrichtete er tatenlos seinen Dienst. Eine sehr hilfreiche Einrichtung. Selbst zu steuern war daher nicht zwingend notwendig. Nur wenn der Wind zu stark wurde, hohe Wellen von achtern kamen oder der Wachhabende Nachts gegen den Schlaf kämpfte, wurde er geschont.
Hatte die Kreole schon einige Tage auf dem Buckel und war in der Saison schon länger unterwegs, gab es auch das ein oder andere zu reparieren. Die Bordelektronik wurde nach einem Wasserschaden in der Karibik erneuert. Es funktionierte aber noch nicht alles und so kämpften wir ein wenig mit den ‘Nachbeben’. Wir blieben beschäftigt. So lernte ich einiges über die einzelnen Schiffssysteme und deren Verdrahtung. Auch als Segler reichte es nicht aus, ‘nur’ segeln zu können. Man ist neben dem Navigator, auch der Elektriker, Mechaniker oder Schreiner. Kann man noch ein wenig kochen, ist es ebenfalls ein Vorteil. Gab es sonst nur Cornet Beef oder Thunfisch aus der Dose. Eine Art Standardessen der Segler. Glücklicherweise hatten wir mit Silvia eine sehr gute Köchin an Bord und uns blieben diese Dinge erspart. Spielten die Mahlzeiten, wie beim Fahrradfahren eben auch eine besondere Rolle. Auf einer solchen Tour steigerte es auch die Moral. Somit war die kulinarische Versorgung trotz der eingeengten und beschränkten Mittel hervorragend. Hatten wir anfangs noch frisches Obst und Gemüse, so gab es nach und nach immer mehr ‘Dosenfutter’. Zu unserem Glück war einer unserer Mitsegler Bäcker und wir hatten immer frisches Brot! War unser kreolische Dosenbier an Bord von Haus aus schon kein großer Genuß, war dieses durch eine Dieseldusche in der Bilge nur noch für die hart gesottenen genießbar. Bier mit Dieselgeschmack, es war zum abgewöhnen. Aber glücklicherweise hatten wir guten französischen Wein geladen! Nein, Essen und Trinken war nicht das Problem, eher die mangelnde Bewegung – ein Teufelskreis, :-).
Die Tierwelt zeigte sich nur wenig. Man konnte fast meinen, der Atlantik war leer. Hin und wieder verfolgten uns ein paar Tümmler. Spanische Galeeren, welche ebenfalls mit ihren in der Sonne glitzernden Segeln über den Atlantik kamen kreuzten uns. Am Morgen des Tages fanden wir hin und wieder ein paar tote fliegende Fische, welche Nachts den Sprung über das Deck nicht schafften. Sie blieben liegen und vertrockneten.
Alle paar Tage stoppten wir und badeten. Waschtag, mitten im Atlantik. Unser Skipper wies uns auch in die Geheimnisse der “Meeres Waschmaschine” ein. Wäsche mit Waschmittel in einen schwarzen Wassersack füllen und auf Deck in der Sonne einweichen lassen. Danach alles auf eine Leine auffädeln und bei Fahrt hinter dem Schiff herziehen. Der Schleudergang. Zum Schluß dann noch alles mit Süßwasser durchkneten, fertig! funktionierte erstaunlich gut.
So ‘plätscherten’ die Tage dahin. Meistens reichte der Wind um zu segeln, hin und wieder mußte aber auch der Diesel ran. Im Schnitt kamen wir mit 5 Knoten voran. Damit hatten wir in der Regel ein Etmal von 120..150 nautische Meilen. Die Gruppe funktionierte und aufkommende Ungereimtheiten konnten mit Humor aus dem Weg geräumt werden. Letztendlich ging es harmonisch zu. Was aufgrund der längeren Zeit, auf engstem Raum eingepfercht, nicht ganz selbstverständlich war.
Nach drei Wochen und ca. 2600sm auf hoher See, im Nebel und Regen hieß es: “Land in Sicht!”. Im Dunstkreis konnten wir Fayal, die erste der Azoreninsel erkennen. Am frühen morgen fuhren wir in den berühmten Hafen Horta ein. Es war DER Treffpunkt der Langzeitsegler. Jeder, der vom Atlantik her kam, steuerte das nette Städtchen an und genehmigte sich erst einmal einen in ‘Peters’ Bar. Hier gab es den besten (da einzigsten, :-)) Gin Tonic in großem Umkreis. So hatten auch wir etwas zu feiern! Der Atlantik war überquert, Prosit!

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